BÜrokratismus in den Kitas bedroht professionelle Bildungsarbeit

Offener Brief

Als Dozentin lerne ich in meiner pädagogischen Bildungsstätte „KITOPIA“ viele professionelle und engagierte Erzieher/innen kennen. Menschen mit viel Liebe zu ihrem Beruf, die Freude daran haben, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und die ihren Bildungsauftrag ernst nehmen.

*

Auf der anderen Seite nehme ich verstärkt den Druck und Stress wahr, der auf den Schultern dieser Menschen lastet und sich lähmend auf die pädagogische Arbeit auswirkt. Ein Hauptgrund dafür ist die leidige Bürokratie. In unseren Kindertagesstätten nimmt sie einen immer größeren Raum ein. Es gibt für die Erzieher/innen mittlerweile einen Dschungel an — von wem auch immer — verordneten Formblättern, Checklisten, Vorlagen, Auflagen, Unterlagen und sonstigen Papieren. Alles wird qualitativ bewertet, dokumentiert, akribisch ausgefüllt, sortiert und abgeheftet. Wenn nicht bald die Notbremse gezogen wird, ersticken wir eines Tages an überbordender Bürokratie, die bis zum Perfektionismus hin emsig betrieben wird und so manchen Ordner verstopft. Niemanden wird es verwundern, dass dieser übertriebene Aufwand - neben der anspruchsvollen und anstrengenden Arbeit mit dem Kind — zur Überforderung führt und Krankheiten begünstigt.

*

Umfragen belegen, dass sich derzeit mehr als 80 % der Erzieher/innen durch den energieraubenden Schreibaufwand gestresst und überfordert fühlen.

*

Zumal in der Praxis nicht genügend „kinderfreie Zeiten“ dafür zur Verfügung gestellt werden. Mehr als die Hälfte der Erzieher/innen erledigen einen großen Teil der schriftlichen Arbeiten in ihrer Freizeit zuhause.

*

Es gibt in ganz Europa kaum ein anderes Land, in dem so intensiv dokumentiert wird, wie hier in Deutschland. Allerorts ist von „Qualitätsentwicklung“ die Rede. Wunderbar! Ein schönes Wort. Doch bedeutet Qualitätsentwicklung nicht, „Sinn vom Unsinn“ zu trennen um dadurch eine befreiende Wirkung zu erzielen? Eine positive Wirkung, die sich nicht zuletzt auf das Wohlbefinden der Kinder und deren individuelle Entwicklung auswirkt? Kinder brauchen gesunde, lebensfreudige Erwachsene zur Seite. Sie brauchen einfühlsame herzliche Menschen, die Zeit für sie haben, ihnen Beachtung schenken und eine unbändige Freude am gemeinsamen Entdecken, Forschen und Lernen mit ihnen teilen. Gestresste Erwachsene behindern Kinder in ihrer gesunden Entwicklung!

Ich möchte mit diesem Brief Menschen erreichen, die Einfluss nehmen können auf diese besorgniserregende Entwicklung, die sich in den Kindertageseinrichtungen ausbreitet. Menschen, die in der Bildungspolitik tätig sind, die Kita -Trägerschaften angehören oder als Pädagogen in leitender Funktion in Kindertageseinrichtungen arbeiten.

*

Qualitätsentwicklung bedeutet Entbürokratisierung

*

Bitte nehmen Sie sich einmal Zeit und recherchieren Sie, was in „Ihren“ Kindertagesstätten an schriftlichen Dokumentations-Arbeiten gefordert wird. Was kommt da zusammen? Beobachtungsbögen, Portfolios, Entwicklungsberichte, Bildungs- und Lerngeschichten, Sprachlern-Tagebücher, Protokollvorlagen, Dokumentationsmappen, Kinderordner etc. Welche Qualität besitzen die Unterlagen bei näherer Betrachtung? Wie umfangreich ist beispielsweise der Beobachtungsbogen, in welchen zeitlichen Abständen soll er ausgefüllt werden? Wie sehen Inhalte und Fragestellungen aus? Wie viel Zeit wird für die Handhabung benötigt? Steht diese Zeit den Mitarbeiter/innen zur Verfügung? Steht der Aufwand im Verhältnis zur Effektivität? Und vor allen Dingen: Steht die Achtung vor dem Kind im Mittelpunkt?

*

Dokumentationen sind wichtig und es gibt wunderbare effektive Instrumente, die den Kindern und Erzieher/innen gerecht werden: Die anfallenden Schreibarbeiten stehen im Verhältnis zum Ergebnis, verstopfen nicht die Ordner, sind nachhaltig und ergeben einen Sinn. Ohne dass es zur bürokratischen Überbelastung kommt. Glauben Sie mir, das ist möglich!

*

Bitte nehmen Sie Ihre Verantwortung ernst, gemeinsam mit Verbündete dafür zu sorgen, dass gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Reagieren Sie, wenn Sie das Gefühl haben, dass der Dokumentationswahn auch in Ihren Kindertagesstätten sein Unwesen treibt. Ziehen Sie als „Anwalt der Kinder“ die Notbremse!

*

Lassen Sie sich durch Widrigkeiten nicht unterkriegen. Es lohnt sich! Ich bin fest davon überzeugt, dass eine qualitativ hochwertigere pädagogische Arbeit gedeihen kann, wenn die Bürokratie auf ein sinnvolles Maß reduziert wird. Zeitgleich wird der hohe Krankenstand in den Kitas rapide sinken, die Kinder spüren mehr Zuwendung und Wärme — ein wunderbarer Nährboden für die individuelle Entwicklung, für Bildung und Lebenslust.

*

Auch bin ich überzeugt davon, dass in naher Zukunft, diejenigen Kitas als privilegiert gelten, die sich vom Doku-Wahn befreit habe und dadurch mehr Lebensfreude, Gelassenheit und Herzlichkeit durch die Räume weht.


*

Bitte kämpfen auch Sie dafür — zum Wohle unserer Kinder und der Erzieher/innen, die sie einfühlsam begleiten und schützen!

Berlin, im Oktober 2013,
Ihre Mariele Diekhof




TIPP: Lesen Sie zur Vertiefung meine Broschüren:
"Leiten mit Leichtigkeit und Professionalität" Band I und Band II
"Die Thementafelmethode"
"27 Kopiervorlagen - Texte zum Aushängen"

^