Öfter mal einen Mutausbruch –
zum Wohle der Kinder!

In meinen Seminaren lerne ich viele Pädagog/innen aus ganz Deutschland kennen. Sehr "beliebt" ist derzeit der Austausch über unsinnige Auflagen und Bestimmungen, die von sogenannten "höheren Stellen" an die Kitas herangetragen werden. Da sollen die Kleinen beim Wickeln ausschließlich nur noch mit Gummihandschuhen angefasst werden. Ich finde das unwürdig und respektlos dem Kind gegenüber. Was sage ich ihm damit? Du bist schmutzig, dich fasse ich nicht an - von der Umweltverschmutzung durch Abertausende entsorgte Gummihandschuhe täglich ganz zu schweigen.

Das Basteln mit Toilettenpapierrollen ist in vielen Kitas neuerdings untersagt, aus hygienischen Gründen, wie es heißt. Es könnten ja Fäkalienspuren daran kleben.... Ausnahme: Die Rollen werden bei 70° im Backofen eine Stunde steril gemacht! Diese pfiffige Idee schlug eine Dame vom Gesundheitsamt einer Leitung vor.

In vielen Kitas dürfen keine Topfblumen mehr in die Räume gestellt werden, wegen der Sporen in der Blumenerde. Wenn Kinder damit in Berührung kommen, können sie schwer krank werden.

Selbstgebackene Kuchen sollen die Eltern nicht mehr mitbringen, auch aus gesundheitlichen Gründen. Der Kuchen könnte ja mit ungewaschenen Händen gebacken worden sein, oder alte Eier stecken drin. Abgepackte hygienisch einwandfreie Fertigkuchen voller Chemie und Zucker sind dagegen erlaubt.

Es gibt Kitas, da werden die Erzieherinnen ernsthaft angehalten, beim Füttern und Wickeln der Kleinen sogenannte "Schutzkleidung" zu tragen. Empfohlen werden praktische Schürzen, die mindestens 2 x wöchentlich ausgetauscht werden müssen, wegen der Hygiene.

In manchen Kitas ist es den Erzieher/innen untersagt, die Küche zu betreten, auch aus hygienischen Gründen. Sie könnten ja Dreck mit hineinschleppen und die Lebensmittel werden dann sauer.

Das traditionelle Anmalen von ausgepusteten Ostereiern gehört nun in so manchen Einrichtungen auch der Vergangenheit an. Die Leute vom Amt sorgen sich um die Keime, die in den ausgeblasenen Hüllen stecken. Auch die Eierpappen, mit denen man so herrliche Häusermauern bauen kann, sind nun in vielen Einrichtungen verboten – auch wegen der Keime!

Das Benutzen von Kosenamen ist nun auch offiziell untersagt worden. Es könnte ja Erzieher/innen geben, die es damit übertreiben. Und bevor das dann ausartet und die Kinder nur noch Mausebacke, Pupsi oder Krümelchen genannt werden, flattert nun das Verbot „von Oben“ ins Haus.

Verboten ist ebenfalls das Tragen von Piercings, Sonnenbrillen, zu kurzen Röcken, zu langen Fingernägeln und zu weiten Ausschnitten.

Ich frage mich gerade, wohin das führt, wenn zuviel reglementiert und sozusagen von oben aufgedrückt wird. Wie sieht es denn mit der Eigenverantwortung der Erzieher/innen aus? Wohin kommen wir, wenn wir alles abnicken, gleichmütig akzeptieren und mitmachen.

Eines Tages stehen wir mit Mundschutz, Gummihandschuhen und hochgeschlossener karierter Schutzkleidung vor den Kindern und Eltern. Brav, devot und angepasst. Keine Grünpflanzen im ganzen Haus, im Backofen dampft ein Blech Klorollen und in der Küche die sterilisierte, keimfreie "Kotzkost" .

Mehr Mut zum Ungehorsam – mehr Mut zum Mutausbruch

Mein Tipp: Mit gesundem Menschenverstand und pädagogischer Professionalität die Auflagen und Verbote betrachten und Sinn vom Unsinn trennen. Und dazu stehen!! Denn: Was gibt es Schöneres, als sich für etwas einzusetzen, was man liebt? Die Kinder haben es verdient!

Hier (PDF) habe ich einen weiteren Brief – für Behördenmitarbeiter/innen - abgedruckt. Zum Weiterleiten und zum Ausdrucken. (als PDF laden)

Ihre Mariele Diekhof

^