NEU! Bitte beachten Sie auch meine Broschüre "Beachtung schenken",
die Ihnen hier auf der Website kostenlos zum Download zur Verfügung steht.
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Das Wort „Beobachtung“ im Zusammenhang mit Menschen erzeugt bei mir eine innere Abwehr. Wer von uns Erwachsenen möchte gerne „unter Beobachtung“ stehen? Kinder empfinden ebenso und werden dennoch zunehmend von der Erwachsenenwelt beobachtet, analysiert und auf Förderbedarf eingeschätzt. Es gibt mittlerweile einen Wust an Beobachtungsbögen, immer umfangreichere Modelle überschwemmen den Markt. Inzwischen wird in den deutschen Kitas eine Art Beobachtungs- und Dokumentationsaufwand betrieben, der zunehmend dem Alltag die Leichtigkeit nimmt.


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Stellen Sie sich doch einmal folgendes vor:

Während Sie morgens genüsslich frühstücken, werden Sie intensiv beobachtet. Ihre Mimik, Ihre Gestik, die Körperhaltung, alles wird mit Blicken erfasst. Wie halten Sie das Messer in der Hand, wie beißen Sie vom Brötchen ab, was essen Sie? Lesen Sie Zeitung währenddessen oder unterhalten Sie sich mit dem Tischnachbarn? Sprechen Sie in ganzen Sätzen, kauen Sie während Sie sprechen, wie drücken Sie sich aus? In welcher Stimmung und körperlichen Verfassung sind Sie? Anschließend würde es eine – natürlich wertfreie- objektive Zusammenfassung der Beobachtung im speziell dafür entwickelten Beobachtungsbogen geben, vielleicht noch ergänzt mit ein bis zwei Fotos, die von Ihnen während des Brötchenkauens in Nahaufnahme geschossen wurden. Na – würde Ihnen das gefallen? Wie lange würden Sie sich das gefallen lassen?


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Schenkt man Ihnen stattdessen jedoch Beachtung, fühlt sich das wesentlich angenehmer an. Auch Kinder wollen – von uns Erwachsenen – BEACHTET werden, sie möchten sozusagen auf Augenhöhe mit Achtung, Wertschätzung und Respekt begegnet werden. Eine Beobachtung aber schaut immer von OBEN herab auf das Kind.

Hätten Kinder einen Anwalt, würden sie sich wohl vehement gegen die emsig betriebene Beobachtungshysterie der Erwachsenen wehren!

Umfangreiche Beobachtungsverfahren mögen in der klinisch - psychiatrischen Praxis ihre Berechtigung haben. Die Kinder in den Kitas sind jedoch keine Patienten und wir PädagogInnen keine Therapeuten! Bemerken Sie einen Unterschied in den folgenden Sätzen? „Heute beobachte ich die Livi und den Jakow.“ Oder: „Heute schenke ich Livi und Jakow meine ganz besondere Beachtung.“. Die Notizen werden nicht in einem umfangreichen „Beobachtungsbogen“, sondern im überschaubaren *Beachtungsbogen* eingetragen.



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EIN VIERTEL DER ARBEITSZEIT FÜR BÜROKRATIE?

Neuste Berechnungen zeigen, dass etwa 25 % der Arbeitszeit der Erzieher/innen für den Aufwand der derzeit - von Gesetzgebern, Ministerien und Trägern - erwarteten, bzw. verlangten Dokumentationen benötigt wird.

In der Praxis würde das bedeuten, dass jede Erzieherin mindestens einen ganzen Tag in der Woche sitzend am Schreibtisch verbringt. Und das bei einem ohnehin niedrigen Personalschlüssel.


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Mir stellen sich einige Fragen:

  • Gibt es eine Personalaufstockung, damit der Aufwand betrieben werden kann? Wenn nein – gibt es ein praxistaugliches Rezept für die zeitliche Umsetzung? Oder wird erwartet, dass die Arbeiten zuhause erledigt werden? Meine Umfragen in der KITOPIA zeigen, dass derzeit etwa 60 % der Erzieher/innen einen Teil der Schreibarbeiten zuhause erledigen. Ich halte das nicht nur aus datenrechtlichen Gründen für bedenklich!
  • Wie viele Millionen Euro in etwa kostet der angestrebte Bürokratismus, inklusive aller Materialien und diesbezüglichen Schulungen? Gelder, die angeblich in die Bildung fließen …
  • Unzufriedenheit und Druck im Team nehmen zu. Einer Studie zufolge fühlen sich ohnehin knapp 70 % der pädagogischen Fachkräfte gestresst. Warum wird dennoch – von Fachleuten, die nicht in der Kita arbeiten - an dem immensen Schreibaufwand kritiklos festgehalten?
  • Warum werden kritische Stimmen der Pädagog/innen, die an der Basis arbeiten, nicht oder kaum gehört? Sind sie nicht die eigentlichen Experten?
  • Kann es sein, dass viele Auflagen, die von außen an die Kitas herangetragen werden, von Fachleuten entwickelt wurden, die nie in einer Kita gearbeitet haben? Die nur vage eine Vorstellung davon haben, wie die Arbeitsbedingungen im pädagogischen Alltag aussehen?
  • Wem nützt der betriebene Aufwand? Wer liest all die Doku-Papiere? Steht der Aufwand im Verhältnis zum Nutzen? Was hat das Kind davon?
  • Warum werden manche Beobachtungsbögen, deren Einsatz und Handhabung einen zu hohen Zeitaufwand erfordern, nicht als praxisuntauglich mit Respekt, aber dankend abgelehnt?
  • Ganz Deutschland bürokratisiert „sich zu“ und alle machen mit. Nicht nur in den Kitas, auch in den Altenheimen und Krankenhäusern wird bis zur Erschöpfung Bürokratie betrieben. Warum gelten nicht zukünftig all die Einrichtungen als „privilegiert“, denen mit wenig Aufwand hervorragende Dokumentationen gelingen?

Gibt es Antworten auf meine Fragen? Her damit, ich stehe ihnen offen und neugierig gegenüber ...


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Parallel dazu möchte ich einen einfachen, aber effektiven Weg aufzeigen, der von Würde und Achtung gegenüber dem Kind und der Erzieherin geprägt ist und weniger dazu auffordert, nach Anleitung zugewiesene Bögen akribisch „abzubeobachten“.

Beobachtung verletzt die Würde des Kindes Beachtung schenkt ihm Wärme und Wertschätzung



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DAS ZIEL ALLER BEOBACHTUNGS-INSTRUMENTE

Das Ziel aller auf dem Markt befindlichen Beobachtungs-Instrumente ist sicher, dass sie dem Kind in seiner Persönlichkeitsentfaltung, in seiner gesunden Entwicklung von Körper, Geist und Seele dienlich sein sollen. Sie geben den „Beobachtern“ eine Art Leitfaden und tragen dazu bei, dass alle Bereiche berücksichtigt werden. Ressourcen eines Kindes sollen erkannt, aber auch Schwierigkeiten entdeckt und „behoben“ werden. Auch bewusst wahrzunehmen, ob das Kind Hilfe von Experten (Logopäden, Ergotherapeuten, Ärzten etc.) benötigt, ist Ziel eines Beobachtungsverfahrens.


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Diese wichtigen Ziele können jedoch nur erreicht werden, wenn die „Instrumente“ praxistauglich sind und von den Erzieher/innen im Alltag leicht eingesetzt werden können. Sie sollen als Hilfe, Leitfaden und zur Unterstützung dienen und nicht als Belastung wahrgenommen werden. Genau das scheint mir aber zunehmend der Fall zu sein.

Praxisuntaugliche Instrumente werden sozusagen von ganz oben verordnet und „übergestülpt“. Alle Welt redet von Partizipation, von Mitbestimmung. Wo bleibt die Mitbestimmung der Erzieher/innen, wenn es um die Auswahl ihrer „Arbeitsinstrumente“, sprich Beachtungsbögen geht? Jeder Handwerker sucht sich sein Werkzeug auch selbst aus und wägt die Qualität sorgsam ab.



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WAHRNEHMUNGSSCHULUNG

Ich plädiere dafür, mehr Zeit mit den Kindern als am Schreibtisch zu verbringen. Sie bewusster wahrzunehmen, einen Sinn in ihrem Tun zu erkennen und ihnen alle Zeit der Welt zu schenken. Zeit für ihre ureigene individuelle Entwicklung, deren einfühlsame Begleitung die wichtigste und wertvollste Aufgabe der Erzieherin ist.

Es geht mir zunächst vordergründig um die Wahrnehmungsschulung der pädagogischen Fachkräfte. Es geht um Bewusstmachung und um eine kritische Selbstreflexion. Meine ureigene Wahrnehmung hat immer etwas mit meiner Biografie zu tun. Sich das bewusst zu machen, ist der erste Schritt.

Beispiel: Zwei Erzieherinnen beobachten zur selben Zeit den fünfjährigen Leon. Leon klettert über Tische und Stühle, zieht sich am Fensterbrett hoch und springt mit Wucht auf einen Berg Kissen, den er sich aufgetürmt hat. Regina (eine ruhige „Tischspiel -Sympathiesantin“) empfindet das Tun von Leon sicher anders als ihre bewegungsfreudige Kollegin Ute. Auch wenn allerorts von wertfreien Eintragungen und Formulierungen die Rede ist, die Gefahr der Stigmatisierung ist nicht zu unterschätzen. Reginas Schlussfolgerung könnten lauten: „Leon kommt nicht zur Ruhe, ist hektisch, findet nicht ins Spiel, ist laut und unkonzentriert“. Ute würde vielleicht folgende Sätze notieren: „Leon ist sehr bewegungsfreudig, grob- und feinmotorisch gut entwickelt, phantasievoll, vorausschauend und voller Lebensfreude“.

Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig die Wahrnehmungsschulung ist. Auch in den Fachschulen und Seminaren sollte dies einen noch höheren Stellenwert einnehmen.

Bewusste Wahrnehmung hat das Ziel, nicht das Kind sondern mein eigenes Verhalten in Frage zu stellen. Was hat meine Biografie, meine Ausstrahlung, mein Empfinden, meine Ausdrucksweise, meine Persönlichkeit, meine Religion und Wertvorstellung mit der Entwicklung des Kindes zu tun? Was muss ICH tun, damit sich das Kind weiterentwickeln kann? Wofür muss ich sorgen?

Siehe „Die 6 Schlüssel zur professionellen Bildungsarbeit“ Text ebenfalls auf meiner Homepage www.kita-beraterin.de -


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Das Kind sagt mir zu jeder Zeit was es braucht! Dies zu erkennen ist eine hohe Kunst in der Pädagogik. Benötigt das Kind Trost, Ruhe, Bewegung, Zuwendung, Zeit, Ungestörtheit, Inspiration, Zweisamkeit, meinen Humor, Unterstützung, Aufmunterung, Anerkennung, Verantwortung, neue Herausforderungen? Es geht darum hinzuschauen und wahrzunehmen. In der Beachtung neue Prioritäten setzen, darauf kommt es an!

Auf Augenhöhe sein, sich in die Welt des Kindes hineinzuversetzen, seine Ziele und Herangehensweisen, seine Botschaften zu erkennen, darum dreht sich alles. Sie zu unterstützen ihren eigenen Weg selbstständig zu gehen, ihre Besonderheiten, ihre Einzigartigkeit zu erkennen, ihren Spuren in ihren Welten zu folgen, das macht eine gute Begleitung – eine professionelle Beachtung aus.


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Diese Zeit und Muße, diese Nähe zum Kind finde ich im Alltag natürlich leichter, wenn ich nicht ein Viertel der Arbeitszeit vom Kind abwesend bin - und nicht mit einem „Beobachtungssymbol“ am Pulli und einer bunten „Defizit-Brille“ auf der Nase von oben aufs Kind herabschaue und meine Liste „abbeobachte“.

Übrigens: Ich zeige dem Kind meine Achtung, wenn ich nicht alles akribisch notiere, fotografiere und aufliste, was ich während der sogenannten „Beobachtung“ sehe und wahrnehme. Um der Würde des Kindes willen ...


Ich habe einen einfachen Beachtungsleitfaden/Bogen entwickelt. Nicht, um ihn in den Kitas zu verbreiten, sondern lediglich zur Inspiration. Vielleicht kann er als Anregung dienen, um sich im Team, in der Trägerschaft damit auseinander zu setzen - um etwas EIGENES daraus zu entwickeln, etwas Praxistaugliches. Das würde ich mir wünschen! Sie finden ihn auf den folgenden Seiten in dieser Broschüre.

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Ihre Mariele Diekhof



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